Auf der Suche nach was Besserem
Dollares und Träume: Sammelband über die »Feminisierung der Migration« in Mexiko im 21. Jahrhundert
»Armes Mexiko, so nahe an den USA und so fern von Gott«, so heißt eine mexikanische Redewendung, die das Dilemma des Landes an der Nahtstelle von Nord und Süd widerspiegelt. Denn auch im 21. Jahrhundert ist Mexiko für viele Menschen Transitstrecke oder Ausgangspunkt auf dem Weg in eine erhoffte bessere Zukunft. Unzählige Menschen nehmen täglich große Gefahren in Kauf, um auf der Suche nach Arbeit die Grenze zwischen Mexiko und den USA zu überwinden.
Dort erwartet sie ein Leben in der Illegalität. Als »indocumentados« (Undokumentierte) arbeiten sie zu Hungerlöhnen in der US-amerikanischen Bauindustrie, in der Landwirtschaft oder in Gebäudereinigungsfirmen. Diejenigen, die den Sprung nicht schaffen, bleiben in den Billigproduktionsstätten und Montagebetrieben (Maquiladores) transnationaler Konzerne in den Städten der Grenzregion wie etwa Ciudad Juàrez oder Tijuana, die wegen ihrer immensen Kriminalität zu trauriger Berühmtheit erlangt sind. Auch dort werden sie als billige, rechtlose Arbeitskräfte ausgebeutet.
Zu den »klassischen Auswandererregionen« Mexikos wie Chihuahau oder Durango kommen in den letzten Jahren immer neue Regionen und Bevölkerungsgruppen hinzu. Stark anwachsend ist der Anteil der Frauen. Während diese früher eher als »Anhängsel« der Männer betrachtet wurden, die im Zuge familiärer Zusammenführung in den Norden gingen, zeigen die Ergebnisse der jüngsten Migrationsforschung, daß sie längst eine eigene Größe in der Migration sind, die von individuellen Beweggründen, Zielen und Träumen zu einer Abkehr von der Heimat motiviert wird – unabhängig von den Männern.
Diese neuen Entwicklungen in der Arbeitsmigration, vielfach als »Feminisierung der Migration« bezeichnet, dokumentiert nun ein Sammelband mit Beiträgen prominenter Migrationsforscher, der auf den Ergebnissen einer interdisziplinären Forschungsreise von Studierenden aus Hildesheim und Münster basiert. Sie waren im Frühjahr 2008 nach Mexiko gereist, um die Wege mexikanischer Männer und Frauen an die Grenze und über die Grenze nachzuzeichnen und zu analysieren.
Herausgekommen ist dabei ein umfassendes Bild der aktuellen mexikanischen Wanderbewegungen, das insbesondere für die Frauen eine differenzierte Analyse ihrer Migration liefert. Denn ebenso vielfältig wie ihre Gründe zum Verlassen des Landes – diese reichen vom puren Geldmangel über familiären Druck bis hin zur bewußten Abkehr von den gewohnten Rollenmustern in der mexikanischen Gesellschaft –sind die Ergebnisse des Abwanderns: Manche Frauen bleiben in der Grenzregion und versuchen, dort als Fabrikarbeiterinnen Fuß zu fassen. Manche schaffen den Sprung in die USA, um dort als Putzfrauen, Küchenhilfen und Kindermädchen ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Einige von ihnen leiden unter Heimweh und kehren irgendwann zurück, während andere trotz geringen Verdienstes Unabhängigkeit und eigene Entfaltungsmöglichkeiten erleben und diese nicht mehr gegen die alten Strukturen eintauschen möchten. Entscheidend für den Verlauf und das Gelingen der Migration sind bei den Frauen, ebenso wie bei den Männern, die informellen Netzwerke, die ihnen nicht nur den Weg bereiten, sondern auch am Zielort für Unterkunft, Arbeit und soziales Leben sorgen.
In dem Sammelband finden sich insgesamt 20 Beiträge mexikanischer und deutscher Autoren, die ein breites thematisches Spektrum der Migrationsforschung aufgreifen. So widmet sich Ofelia Woo Morales in ihrem Aufsatz »Bleiben oder Zurückkehren« den Erfahrungen mexikanischer Frauen in den Vereinigten Staaten, während Angela G. Alfrache Lorenzo den Fokus ihres Artikels auf die feminizide Gewalt in Mexikos Grenzregion richtet. Auch dort, wo Aufsätze allgemeinere Themen behandeln, wie etwa der von Tim Ackermann und Torsten Bewernitz zur gewerkschaftlichen Organisierung in der Maquiladora-Industrie, liegt das Augenmerk der Autoren stets in besonderem Maße auf der spezifischen Situation der betroffenen Frauen.
Somit ist ein informativer Sammelband entstanden, der nicht nur für Politikwissenschaftler, Soziologen oder Hispanisten eine gute Informationsquelle darstellt, sondern allen zu empfehlen ist, die fundiertes Wissen über die Hintergründe transnationaler Migrationsbewegungen in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts suchen.
Elisabeth Tuider/Hanns Wienold/Torsten Bewernitz (Hg.): Dollares und Träume - Migration, Arbeit und Geschlecht in Mexiko im 21. Jahrhundert. Westfälisches Dampfboot, Münster 2009, 317 Seiten, 27,90 Euro
Quelle: Junge Welt 28.08.2009 / Feminismus / Seite 15 Artikel von Mona Grosche

